«Leichte Sprache» benötigt mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit

Es gibt zahlreiche Kritikpunkte am gängigen Konzept «Leichte Sprache». Wie die Texte hergestellt werden und auf welchem Wissen sie beruhen, bleibt oft undurchsichtig. Das nagt an ihrer Glaubwürdigkeit. Deshalb braucht es dringend mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

 

Kontextinformationen:

  • Zielgruppe: Interessierte Personen, die gut lesen können.
  • Der Text widerspiegelt nicht die Meinung des Vereins Einfache Sprache Schweiz. Es handelt sich um die Perspektive des Autors. Informationen zum Autor befinden sich am Ende des Artikels.
  • Alle Bilder im Artikel stammen aus Zeichenprotokollen der Tagung Leichte Sprache. Sie wurden von capito Linz und capito Bodensee erstellt.

 

Was ist «Leichte Sprache»? Auf diese Frage sind unterschiedliche oder gar widersprüchliche Antworten zu hören, wenn man Akteure fragt, die sich mit «Leichte Sprache» auseinandersetzen. Seien es Behindertengleichstellungsaktivist*innen im Freundeskreis, Übersetzer*innen, Akteuren aus Organisationen, welche sich mit dem Thema auseinandersetzen: Sie haben teilweise unterschiedliche Vorstellungen von «Leichte Sprache». Und teilweise kritisieren sie einander scharf. Wer hat recht?

 

Kritikpunkte aus Fachliteratur

Wissenschaftliche Recherchen können Orientierung bieten im Meinungsdschungel. Der Verein Einfache Sprache hat sich mit der wissenschaftlichen Kritik an der «Leichte Sprache» auseinandergesetzt und unter anderem folgende Kritikpunkte gefunden:

 

  • «Leichte Sprache» bietet keine Entwicklungsmöglichkeiten (Lernprozesse werden nicht zugelassen) (vgl. Kleinschmidt und Pohl 2017; Baumert 2016; Kilian 2017)
  • «Leichte Sprache» kann auch als Motor der Exklusion gesehen werden (negative Zuschreibungen, Defizitorientierung) (vgl. Zurstrassen 2017)
  • Die Zielgruppen sind äusserst heterogen (vgl. Baumert 2016)
  • Es gibt Akteure, die sagen: Sprache soll man situationsgerecht adaptiv anpassen, starre Regeln bringen nichts (vgl. Kleinschmidt und Pohl 2017)
  • Fragen der motivationalen Stimulanz werden ignoriert (vgl. Christmann 2017; Fix 2017)
  • In der Praxis ist zu beobachten, wie Texte in «Leichte Sprache» teilweise mit zahlreichen unbegründeten Bewertungen angereichert werden (vermutlich oft unbewusst) und so wirkt es manchmal, als würden die Autor*innen den Adressaten die Urteilsfähigkeit absprechen (vgl. Linz 2017:157)
  • Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsbereichen werden ignoriert (bspw. Verständlichkeitsforschung, Designforschung, Kognitionsforschung, Linguistik, Soziologie) (vgl. Antos 2017; Sieghart 2017; Christmann 2017, Baumert 2016)

 

Kritik an Unterscheidung «Leichte Sprache» und einfache Sprache:

  • Wird in der Praxis oft gemacht und als Abgrenzung benutzt, um sein eigenes Konzept aufzuwerten und das andere abzuwerten (vgl. Bock, Lange und Fix 2017:14)
  • Sie können als zwei ähnliche Praxisansätze angeschaut werden, die gar nicht so gegensätzlich sind (vgl. Bock, Lange und Fix 2017:14)
  • Wenn man von einem dynamischen statt eines statischen Systems oder vom adaptiven Sprachhandeln ausgeht, ist eine strikte Unterscheidung problematisch (vgl. Kleinschmidt und Pohl 2017; Bredel und Maass 2016:530-531)
  • Es gibt Akteure, die sagen: Hauptsache ist, dass die Information bei der jeweiligen Zielgruppe ankommt, egal ob das Konzept nun «Leichte Sprache» heisst oder anders (vgl. Bock, Lange und Fix 2017)

 

Diese Kritikpunkte und die Diskussionen im Umfeld haben folgende Erkenntnis hervorgebracht: Was unter «Leichter Sprache» verstanden wird und wie sie ausgestaltet sein soll, hängt von der jeweiligen Perspektive ab. Es gibt die «Leichte Sprache» nicht. Auch das ist eine Perspektive. Und auch sie ist nicht die Wahrheit. Die nun folgende Ausführung ist eine Sichtweise von vielen.

 

 

Die riesengrosse Werkzeugkiste

Folgende drei Punkte können als wichtig erachtet werden bei der Erstellung von verständlichen Kommunikationsmitteln aller Art (vgl. Kleinschmidt und Pohl 2017):

  • die Reflexion über die jeweilige Kommunikationssituation (der Kontext),
  • die Reflexion über die Kommunikationsziele
  • und die Reflexion über die Zielgruppen

Somit stellen sich bei der Herstellung von «Leichter Sprache» oder einfacher Sprache Fragen wie: Für wen ist welche Botschaft in welcher Situation bestimmt? Und wie kann ich dafür sorgen, dass die Botschaft in dieser Situation bei meiner Zielgruppe ankommt?

 

Um das bewerkstelligen zu können, steht uns eine riesengrosse Werkzeugkiste zur Verfügung.  In dieser Werkzeugkiste befinden sich alle Erkenntnisse aus der praktischen Erfahrung, Theorie und Forschung (bspw. Verständlichkeitsforschung, Designforschung, Kognitionsforschung etc.). Die gängigen «Leichte Sprache»-Regelwerke beinhalten dabei nur eine ganz kleine, enge Auswahl an Instrumenten oder Werkzeugen. Je nach Kommunikationssituation, Kommunikationsziel und Zielgruppe können sie hilfreich sein oder auch nicht. Die «Leichte Sprache»-Regelwerke können beispielsweise als Hammer und Nagel gesehen werden. Aber vielleicht braucht es auch mal einen Bohrer oder Schraubenzieher. Und manchmal ergibt sich der Griff zum passenden Werkzeug aus der unmittelbaren sozialen Interaktion heraus, wie das folgende Beispiel zeigt.

 

«Leichte Sprache» in der dynamischen Alltagspraxis

Menschen, die viel miteinander zu tun haben, entwickeln manchmal ihre eigene Leichte oder einfache Sprache. Sie entsteht aus der tiefen, persönlichen Beziehung heraus und kann nicht beliebig kopiert werden. Das betont auch der Co-Präsident des Vereins Einfache Sprache Schweiz, Peter Fischer, immer wieder. Er ist selber Behindertenrechtsaktivist und Selbstvertreter und angewiesen auf eine verständliche Sprache. Er hat Freund*innen mit Lernschwierigkeiten. Mit ihnen kommuniziert er viel. Dabei passt er seine Sprache an den jeweiligen Menschen an. Je besser er das Gegenüber kennt, umso besser kann er die Sprache anpassen und umso besser verstehen sie sich. Peter Fischer nennt auch dies «Leichte Sprache». Es ist die alltägliche und praktische Sprache, welche Menschen mit Lernschwierigkeiten für Menschen mit Lernschwierigkeiten gestalten. Und man findet sie in keinem Regelwerk.

 

 

Welches Werkzeug passt für welche Zielgruppe in welcher Situation?

Die Herausforderung ist es, in der riesengrossen Werkzeugkiste das passende Werkzeug zu finden. Das ist aufwendig. Und auch die vorgängige Analyse der Situation, der Ziele und der Zielgruppen ist aufwendig. Wie kann man beispielsweise die Bedürfnisse der Zielgruppe möglichst genau verstehen, um das passende Werkzeug finden zu können? Was gibt es für Strategien und Prozesse? Wie kann man Ordnung schaffen in der Werkzeugkiste und das Suchen vereinfachen? Hier gilt es anzusetzen und neue Möglichkeiten zu entwickeln. Das kann eine Aufgabe für die unterschiedlichen Akteure sein, welche sich für eine leicht verständliche Sprache einsetzen.

 

Mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit für mehr Glaubwürdigkeit

Woher kommt das Wissen in den gängigen Regelwerken für «Leichte Sprache»? Und warum sollen gerade die genannten Regeln diejenigen sein, mit denen die Zielgruppe besser versteht? Warum hat wer bei der Übersetzung oder Erzeugung von Texten in einfach verständlicher Sprache welches Werkzeug verwendet? Wie war die genaue Vorgehensweise? Wer ist warum die Zielgruppe? Wie interpretiert man den Kontext? Warum nennt man es «Leichte Sprache» oder einfache Sprache? Welche Vorstellungen verbergen sich jeweils dahinter? All diese Fragen bleiben in der Praxis oft unbeantwortet. Mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit ist hier wünschenswert. Transparenz und Nachvollziehbarkeit können als wichtige Qualitätsmerkmale gesehen werden. Diese Qualitätsmerkmale passen zu der grossen Perspektivenvielfalt in der Praxis. Transparenz und Nachvollziehbarkeit können der ganzen Bewegung und ihren Erzeugnissen mehr Glaubwürdigkeit verschaffen. Und sie können für Innovation und Weiterentwicklung der Werkzeugkiste sorgen. Damit soll Standardisierung zur Qualitätssicherung nicht ausgeschlossen werden. Vorschläge wie die Standardisierte Einfache Sprache Deutsch (SESD) von Andreas Baumert bleiben ein erstrebenswertes Ziel (vgl. Baumert 2016). Bei der SESD handelt sich um einen sorgfältig erarbeiteten und überzeugend fundierten Vorschlag. Viele Entwicklungen rund um «Leichte Sprache» zurzeit scheinen aber eher Versuchsballone zu sein und erfüllen die Voraussetzungen nicht, welche ein Vorschlag wie die SESD mitbringt. Solange dem so ist, tut dem undurchsichtigen «Leichte Sprache»-Dschungel mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit gut.

 

Auch das hier ist nicht die Wahrheit

Die hier aufgezeigte Perspektive ist nur eine von vielen. Sie kann aus anderen Perspektiven zurecht kritisiert werden. Primär soll mit diesem Blogbeitrag zur Diskussion und zum Hinterfragen beigetragen werden. Der Autor freut sich über Kritik und Anregungen per Mail (bruegger@einfachesprache.ch).

 

Über den Autor: «Nach einer Lehre und Arbeitstätigkeit als Detailhandelsfachmann folgte die Berufsmaturität und später ein Bachelorabschluss an der Fachhochschule (Bachelor of Arts ZFH in Kommunikation). Heute studiere ich an der Universität Fribourg im Fachbereich «Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit» die Option «Soziologie» und das Spezialisierungsprogramm «Politik und Gesellschaft». Ich unterstützte die Fachexpertinnen im Verein Einfache Sprache bei der wissenschaftlichen Recherche und assistiere Co-Präsident Peter Fischer.»

 

Quellen:

Antos, Gerd (2017). Leichte Sprache als Politolekt – Anmerkung zu den Einflussfaktoren: Verständlichkeit, Fremdheit und Transaktionskosten. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (129-146). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Baumert, Andreas (2016). Leichte Sprache – Einfache Sprache. Hannover: Hochschule Hannover. Online verfügbar unter: http://www.recherche-und-text.de/.

 

Bock, Bettina M., Daisy Lange und Ulla Fix (2017). Das Phänomen “Leichte Sprache” im Spiegel aktueller Forschung – Tendenzen, Fragestellungen und Herangehensweisen. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (11-34). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Bredel, Ursula und Christiane Maass (2016). Leichte Sprache. Theoretische Grundlagen, Orientierung für die Praxis. Berlin: Dudenverlag (Sprache im Blick).

 

Christmann, Ursula (2017). Wie leicht darf Leichte Sprache sein? Empirische Lücken in einem gut gemeinten Konzept. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (35-42). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Fix, Ulla (2017). “Schwere” Texte in “Leichter Sprache” – Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen (?) aus textlinguistischer Sicht. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (163-188). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Linz, Erika (2017). “Leichte Sprache ist nicht Kindersprache” – Zur sozialen und pragmatischen Relevanz stilistischer Aspekte in Leichte-Sprache-Texten. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (147-162). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Kilian, Jörg (2017). “Leichte Sprache” Bildungssprache und Wortschatz – Zur sprach- und fachdidaktischen Wertigkeit der Regelkonzepte für “leichte Wörter”. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (189-210). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Kleinschmidt, Katrin und Thorsten Pohl (2017). Leichte Sprache vs. adaptives Sprachhandeln. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (87-110). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Sieghart, Sabina (2017). Leichte Sprache – Design für alle. Ein kritisches Statement aus der Designpraxis. n: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (495-502). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

Zurstrassen, Bettina (2017). Leichte Sprache – eine Sprache der Chancengleichheit?. In: Bock, Bettina M., Ulla Fix und Daisy Lange (Hg.). «Leichte Sprache» im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung (53-70). Berlin: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 1).

 

3 Gedanken zu „«Leichte Sprache» benötigt mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit

  1. Der Einstieg über die 3 Kriterien oben (ich formuliere sie in meinen Worten + meiner Reihenfolge) ist schon mal geglückt. Ich gratuliere.
    – Zielgruppe
    – Kontextkenntnisse der Zielgruppe
    – Hauptaussagen des Autors

    Sollen die Hauptaussagen verlässlich ankommen, braucht es halt mehr …

  2. Vielen Dank für diesen anregenden Beitrag!
    Mir gefällt vor allem:
    das breite Spektrum an Sichtweisen,
    die praktische Idee der Werkzeugkiste
    und die Erfahrung von Peter Fischer
    mit leichter Alltagssprache.
    Mit besten Wünschen,
    Sabine Manning

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