«Die einfache Sprache (…) wird es nie geben»

Das neue Buch von Andreas Baumert ist im «Spass am Lesen Verlag» erschienen. Andreas Baumert bietet darin 152 Empfehlungen für einfache Sprache. Doch auch über Stil, Lesen als Kulturtechnik und «Plain English» schreibt der Autor. Ein persönlicher Kommentar zum Buch.

Andreas Baumert muss man gelesen haben. Zumindest, wenn man sich mit einfacher und Leichter Sprache auseinandersetzt. Seine letzte Veröffentlichung ist für mich etwas vom Besten, das ich zum Thema bisher gelesen habe. 2016 erschien das Buch mit dem Titel «Leichte Sprache – Einfache Sprache. Literaturrecherche, Interpretation, Entwicklung». Es beinhaltet interessante Analysen unter Einbezug von Sprachwissenschaft, Kognitionswissenschaft, Neurologie, Psychologie und anderen Disziplinen. Darauf aufbauend entwickelt er sein Konzept: die Standardisierte Einfache Sprache (Deutsch). Die Vorfreude auf das neue Buch war deshalb gross. Es ist diesen Frühling im «Spass am Lesen Verlag» erschienen und bietet 152 Empfehlungen für einfache Sprache. Es ist also ein Ratgeber. Aber nicht nur das.

Die empfehlenswerte Publikation von Andreas Baumert aus dem Jahr 2016 (links) und sein neues Buch (rechts).

Bevor es mit den 152 Empfehlungen für einfache Sprache losgeht, bietet das Buch rund 60 Seiten Hintergründe und Kontext. Ich lerne unter anderem etwas über die Entwicklung der Sprache, erfahre Informationen über eine mögliche Unterscheidung zwischen flacher und einfacher Sprache, setze mich mit Stil und Text auseinander und lese die Geschichte des «Plain English» («das» einfache Englisch). Natürlich gibt es noch vieles mehr zu entdecken. Hinweisen möchte ich auf die 145 Empfehlungen des «Plain English», welche man auf den Seiten 50-54 findet. Andreas Baumert hat 18 Publikationen über «Plain English» aus Australien, Kanada, Großbritannien und den USA durchsucht. Daraus hat er 145 Empfehlungen entnommen, zusammengefasst und aufgelistet. Es ist ein kompakter Überblick. Widersprüche und auffällige Abweichungen hat er in der Liste markiert. Die Titel können im sehr umfassenden Literaturverzeichnis nachgeschaut werden. Diese 145 kompakt zusammengefassten Empfehlungen des «Plain English» sind ein guter Einstieg in die 152 Empfehlungen von Andreas Baumert. Spannend zu analysieren wäre: Worin unterscheiden sich Andreas Baumerts Empfehlungen von denjenigen aus der Literatur zum «Plain English»? Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Das könnte Thema sein für einen Blogbeitrag von Übersetzer*innen und Expert*innen. Ich möchte an dieser Stelle auf einen anderen Punkt eingehen.

 

Andreas Baumert kennt die Wahrheit nicht

Andreas Baumert reflektiert seine Arbeit kritisch. Er relativiert Aussagen, kontextualisiert seine Position und begründet seine Meinungen. «Wir wollen und können Ihnen, unseren Lesern, nichts vorschreiben. Ausdrücke wie Regel, gar Regelwerk, würden von Selbstüberschätzung zeugen. Nein, wir empfehlen nur», schreibt Andreas Baumert im Vorwort (S. ix) und betont weiter im Buch: «Schreiben für jedermann heißt nicht, dass tatsächlich jeder verstehen kann. Zu unterschiedlich sind die Lesekompetenz und das Wissen über den Gegenstand oder Sachverhalt» (S. 2).  Das klingt trivial. Aber wer sich mit der Szene rund um Leichte Sprache und einfache Sprache auseinandersetzt, weiss, dass diese Erkenntnis nicht selbstverständlich ist. «(…) Angemessenheit ist eine Variable, die an Leser, Lesesituation, Aufgabe des Textes und einige andere Werte gebunden wird. (…) Die einfache Sprache, aus der Sicht auf den fertigen Text betrachtet, wird es nie geben.» Dieses Zitat ist im Kapitel 9.17 «Angemessenheit» im Anhang auf den Seiten 198-199 zu finden und aus meiner Sicht sehr wichtig. Nicht dieser Meinung? Nicht weiter schlimm. Andreas Baumert schreibt auf Seite 118: «In diesem Buch schwächt der Autor seine Aussagen oft mit Modalwörtern ab. Der Grund für diese Abschwächung ist, dass Ihnen, den Lesern, nicht vorgegaukelt werden soll, es gäbe nur eine Sichtweise eines Sachverhaltes. Das Ziel ist, die wissenschaftliche Basis, den Hintergrund, aufzuzeigen; oft gibt es jedoch anderes Denken, andere Interpretationen und Theorien, die nicht geleugnet werden. Hier sind sie nur nicht vertreten.» Wer also die einzige Wahrheit und die einfache Sprache sucht, wird bei Andreas Baumert nicht fündig. Und genau das mag ich an diesem Autor.

Die Beurteilung des Buches ist eine Frage der Perspektive. Es gibt sicher Leser*innen, welche mit gewissen Inhalten Mühe haben. Das Buch ist nicht für alle angemessen. Auch der immer wieder durchdrückende «Baumertsche Witz» ist wohl Geschmackssache. Aus anderen Blickwinkeln kann das Buch ganz anders wahrgenommen werden. Das ist oft das Problem (oder auch kein Problem) bei Rezensionen oder Kommentaren. Sie sind aus meiner Sicht nur eine Perspektive und erzählen keine Wahrheit. Das vergessen die Autor*innen manchmal. Andreas Baumert nicht. Und so verwende ich seine Ausdrucksweise und gebe hier auch nur eine Lese-Empfehlung ab. Andreas Baumert muss man nicht gelesen haben, wie anfangs bemerkt. Ob das Buch geeignet und interessant für Sie ist, hängt von vielen Variablen ab. Aber empfehlen, ja empfehlen darf man ihn ganz bestimmt.

 

Titelbild: Screenshot aus dem Beitrag zum Buch auf der Seite vom Spass am Lesen Verlag.

 

Über den Autor: «Nach einer Lehre und Arbeitstätigkeit als Detailhandelsfachmann folgte die Berufsmaturität und später ein Bachelorabschluss an der Fachhochschule (Bachelor of Arts ZFH in Kommunikation). Heute studiert er an der Universität Fribourg im Fachbereich «Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit» die Option «Soziologie» und das Spezialisierungsprogramm «Politik und Gesellschaft». Er unterstützt die Fachexpertinnen im Verein Einfache Sprache bei der wissenschaftlichen Recherche und assistiert Co-Präsident Peter Fischer.»


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